Soziales & Bürokratie
Für Wien ist Glücksspiel seit jeher ein Stück Stadtgeschichte. Das Casino auf der Kärntner Straße gehört ebenso zum Bild der Stadt wie die staatliche Online-Plattform win2day. Doch dieses über Jahrzehnte gewachsene System steht 2026 vor seiner größten Veränderung. Eine Novelle des Glücksspielgesetzes (GSpG) soll den Markt neu ordnen und könnte den bislang streng abgeschotteten Online-Bereich für mehrere Anbieter öffnen.
Seit November 2025 liegt ein Gesetzesentwurf in Begutachtung, der erstmals eine unabhängige Glücksspielbehörde vorsieht. Die Aufsicht über das Glücksspiel läge damit nicht mehr beim Finanzministerium, sondern bei einer eigenständigen Stelle. Die Inkraftsetzung ist für den Sommer 2026, also Juni oder Juli, geplant. Stand Ende Mai 2026 gilt die Öffnung des Online-Marktes grundsätzlich als beschlossen. Gestritten wird vor allem noch über die konkreten Rahmenbedingungen.
Im Kern stehen sich zwei Positionen gegenüber. Auf der einen Seite das bestehende Monopol rund um win2day, das Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) im Online-Bereich erhalten und mit schärferem Vorgehen gegen illegale Anbieter flankieren möchte. Auf der anderen Seite die Befürworter einer Marktöffnung, die ein EU-konformes Lizenzmodell mit mehreren zugelassenen Anbietern fordern.
Hintergrund ist eine deutliche Schieflage. Rund 70 Prozent eines auf etwa 2,3 Milliarden Euro geschätzten Marktes entfallen derzeit auf den Schwarzmarkt, also auf Angebote ohne österreichische Konzession. Genau dieser Anteil ist das stärkste Argument der Reformbefürworter: Wer legal anbietet, lässt sich kontrollieren und besteuern.
Der Zeitdruck hat einen handfesten Grund. Die rechtliche Grundlage bildet das Glücksspielgesetz, und die darauf gestützten Konzessionen für Lotterien und Online-Glücksspiel, die laufen am 30. September 2027 aus. Auch die Casino-Lizenzen enden mit Jahresende 2027, und das betrifft neben Wien die Standorte Linz, Salzburg, Graz, Innsbruck und Bregenz. Wer ab 2028 legal anbieten darf, hängt damit unmittelbar davon ab, welche Regeln bis dahin in Kraft sind. Für Wiens lebendige Wirtschafts- und Gründerszene und die daran hängenden Arbeitsplätze ist das eine Frage von Gewicht.
Mehr Wettbewerb soll nicht zu weniger Schutz führen, im Gegenteil. Der Entwurf setzt auf strengere Auflagen für alle Anbieter und auf eine zentrale Sperrdatei. Über sie können sich Spielerinnen und Spieler anbieterübergreifend sperren lassen, sodass eine einmal eingetragene Sperre überall greift. Damit soll verhindert werden, dass gefährdete Personen einfach zum nächsten Anbieter wechseln. Für viele Beobachter ist dieser Punkt der eigentliche Prüfstein der Reform.
Wie ein lizenziertes Mehr-Anbieter-Modell in der Praxis funktioniert, lässt sich am Nachbarland Deutschland ablesen. Dort gilt seit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 ein bundesweit einheitlicher Rahmen für die deutschen Online Casinos, über den die gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) wacht. Für österreichische User ist das keine Spielempfehlung, sondern vor allem ein regulatorischer Vergleichsmaßstab dafür, wie Marktöffnung und Aufsicht zusammengehen können.
Bis zur Sommerpause dürfte feststehen, in welche Richtung Österreich geht. Für Wien, wo Glücksspiel von der Tradition des Casinos bis zur digitalen Plattform reicht, entscheidet sich damit, ob die Stadt Teil eines geöffneten, europäisch ausgerichteten Marktes wird, oder ob das Monopol in modernisierter Form bestehen bleibt. Sicher ist nur, dass das Glücksspiel in Österreich 2026 neu vermessen wird.
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